Geschichte verstehen – Perspektiven teilen: Lesungen mit Ira Peter in Hankensbüttel und Wahrenholz

Am 18. Juni in Hankensbüttel sowie am 19. Juni in Wahrenholz war die Journalistin und Autorin Ira Peter zu Gast. Insgesamt 130 Interessierte nahmen an den beiden Abendveranstaltungen teil. Sie las aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“ und kam anschließend mit dem Publikum ins Gespräch. Zu Beginn gab Ira Peter einen historischen Einblick in die Geschichte der sogenannten Russlanddeutschen. Sie erläuterte die Auswanderung deutscher Siedlerinnen und Siedler ins Russische Reich seit dem 18. Jahrhundert, die Deportationen und Verfolgungen unter Stalin sowie die schwierigen Lebensbedingungen deutschstämmiger Menschen in der Sowjetunion, insbesondere während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese historischen Erfahrungen von Zwang, Verlust und Diskriminierung prägen viele Familien bis heute. Ein zentraler Teil der Lesungen war die Frage, wie die sogenannten (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler ihre Ankunft in Deutschland in den 1990er Jahren erlebt haben. Ira Peter, die selbst als Kind mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland kam, schildert eindrücklich die Ambivalenz dieser Erfahrungen: zwischen der Hoffnung auf einen Neuanfang im „Land der Vorfahren“ und dem gleichzeitigen Gefühl, in der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht selbstverständlich dazuzugehören.

Im Mittelpunkt standen dabei Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Integration. Viele Russlanddeutsche sahen sich nach ihrer Ankunft mit Vorurteilen, Sprachbarrieren und sozialen Hürden konfrontiert. Zugleich zeigt das Buch, dass die Gruppe äußerst vielfältig ist und sich nicht auf allgemeingültige Zuschreibungen reduzieren lässt. Im Anschluss an die Lesungen fand jeweils ein offener Austausch mit den Besucherinnen und Besuchern statt. Dabei kamen auch Mitglieder des „Bündnisses für Demokratie“ sowie betroffene Russlanddeutsche selbst zu Wort. Die Gespräche waren von großer Offenheit geprägt; insbesondere die persönlichen Berichte führten stellenweise zu sehr emotionalen Momenten im Raum. Gleichzeitig entstand ein intensiver Dialog über Erfahrungen von Ausgrenzung, Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe.

Am Morgen des 19. Juni fand zudem im Gymnasium Hankensbüttel eine weitere Lesung für rund 250 Schülerinnen und Schüler statt, die den Ausführungen aufmerksam folgten. Auch hier berichtete Ira Peter aus der Perspektive betroffener Jugendlicher und gab Einblicke in persönliche Erfahrungen von Identität, Zugehörigkeit und Diskriminierung. Im Anschluss entstand eine lebendige Austauschrunde, in der auch die Schülerinnen und Schüler eigene Fragen und Gedanken einbringen konnten. Die Veranstaltungen machten deutlich, wie wichtig es ist, historische Zusammenhänge zu kennen und unterschiedliche Perspektiven wahrzunehmen. Sie leisteten damit einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Bildung vor Ort und regten dazu an, über Zugehörigkeit, Respekt und gesellschaftlichen Zusammenhalt ins Gespräch zu kommen.